Ich bin heute über einen Instagram-Post der Süddeutschen Zeitung gestolpert. Auf dem ersten Slide stand groß: „Lasst uns über Gaza reden“.
Geht es um das Leid der Zivilist*innen, um hungernde Kinder? Um die humanitäre Katastrophe, die sich seit dem Bruch der Waffenruhe durch Israel weiter zuspitzt?
Ich habe den Artikel gelesen und möchte nun einige Gedanken mit euch teilen.
Drei Soldaten – keine Namen, keine Fotos
Im Text geht es um Noi (30), Raz (29), Zvika (30), drei israelische Reservisten, die alle in Gaza gekämpft haben. Die einzige Bedingung für das Gespräch:
„Keine Nachnamen, keine Fotos.“
https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/gaza-palaestinenser-israel-reservisten-trauma-gazakrieg-e709082/?reduced=true
Wieso?
„Gerade erst hat ein israelischer Reservist, der Urlaub gemacht hat in Brasilien, das Land fluchtartig verlassen, weil ein Richter wegen möglicher Beteiligung an Kriegsverbrechen in Gaza gegen ihn ermitteln wollte.“
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Die Angst unserer drei Protagonisten, in anderen Ländern für Kriegsverbrechen angeklagt zu werden, ist tatsächlich berechtigt. Organisationen wie die belgische Non-Profit-Organisation „The Hind Rajab Foundation“ (Benannt nach der 5-jährigen Hind Rajab, die zusammen mit ihrer Familie und den Sanitätern, die ihr zu Hilfe kamen, ermordet wurde. [2]) stellen Strafanzeige gegen Soldat*innen der israelischen Armee, die ihre Kriegsverbrechen zum Beispiel auf Social Media posten. Einige der letzten Strafanzeigen wurden in Rumänien, Nepal, der Schweiz und Deutschland gestellt – wobei sich die deutschen Behörden bisher weigern, ein Strafverfahren einzuleiten [3].
Gaza – ein Ort voller Trümmer
Aber weiter zum Text.
Noi, Hipsterbrille, lockige Haare, Birkenstocksandalen und Kommandant einer Einheit von Reservisten der israelischen Armee, fängt an, über Gaza zu erzählen.
Wie würde er Gaza beschreiben?
„Der deprimierendste Platz auf der Welt. Alles kaputt, überall Müll, Verwesung, Gestank. Da willst du nicht sein.“
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Was genau heißt denn „alles kaputt“?
Laut UN heißt das: 92 % aller Wohneinheiten sind zerstört, nur noch die Hälfte aller Krankenhäuser können teilweise betrieben werden, 68 % der Straßen sind zerstört, und knapp die Hälfte der Anbauflächen und Gewächshäuser wurde vernichtet [4].
Das, was Noi als den deprimierendsten Platz der Welt beschreibt, ist für die Palästinenser*innen aber ihre Heimat – eine Heimat, die durch Israel komplett zerstört wurde.
Diese Menschen wollen in ihrer Heimat sein und bleiben – aber ohne Krieg und ohne Besatzung.
Das Narrativ der Waffenruhe
„Seit Januar gilt eigentlich eine Waffenruhe zwischen Israel und Hamas, aber beide Seiten halten sie nicht ein.“
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Israel hat die Waffenruhe Anfang März einseitig beendet. Der Gazastreifen ist wieder vollständig unter einer – nach internationalem Recht illegalen – Belagerung. Die Hamas hatte zuvor keine neuen Angriffe auf Israel gestartet und war bereit, in die zweite Phase einer Waffenruhe überzugehen [5].
Die israelische Tageszeitung Haaretz schreibt über einen der ersten großen Angriffe nach dem Bruch der Waffenruhe:
„In einer der schrecklichsten Nächte des Gaza-Krieges tötete die israelische Armee fast 300 Frauen und Kinder“ [6].
Für deutsche Medien ist das oft nur: „Die Waffenruhe wurde nicht eingehalten.“
Bodenoffensive statt Diplomatie
„Gut möglich, dass Israel bald wieder eine groß angelegte Bodenoffensive in den Gazastreifen startet…“
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Das ist mittlerweile wieder erschreckende Realität.
Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz erklärte, Ziel der neuen Einsätze sei es, Gebiete in Gaza zu besetzen, bis die Hamas alle Geiseln freigelassen hat. Teile dieser Gebiete sollen eventuell dauerhaft besetzt werden [7].
Mit anderen Worten: Besatzung und ethnische Säuberung – als Druckmittel.
Traumata und TikToks
„Noi und seine Reservisten haben Gaza verlassen, aber Gaza hat sie nicht verlassen. Manchmal träumen sie von Häusern, die explodieren, von Terroristen, die auf sie feuern, von Tunneln, in denen sie gefangen gehalten werden.“
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Natürlich ist Krieg eine große Belastung für Soldaten. Sie kommen oft mit schweren psychischen Erkrankungen zurück.
Dass sie aber so sehr unter dem Krieg leiden, vergisst man schnell, wenn man sieht, wie sie sich auf TikTok über Palästinenser*innen lustig machen oder ihre Kriegsverbrechen teilen [13].
Die Lage für palästinensische Kinder hingegen ist absolut erschreckend.
Die Kinderhilfsorganisation War Child schreibt dazu:
„Betreuer berichten, dass 96 % der Kinder das Gefühl haben, der Tod stehe unmittelbar bevor, und fast die Hälfte glaubt, sie würden aufgrund des Krieges sterben“ [8].
Wer sind die Opfer?
„Der Horror, das sind nicht nur Zehntausende getötete Palästinenser, viele keine Hamas-Terroristen, sondern Kinder, Frauen, Alte.“
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Das UN-Menschenrechtsbüro schreibt: 70 % der getöteten Personen in Gaza sind Kinder oder Frauen [9].
Schätzungen zufolge zählt die Hamas etwa 35.000–80.000 Mitglieder [10].
Es ist daher sicher, dass auch viele männliche Zivilisten unter den Opfern sind.
Nicht „viele keine“ Hamas-Terroristen – die absolute Mehrheit der Getöteten war keine.
Die Täter und ihre Trauer
„Auch Noi und Zvika haben die Hunde gesehen, die aus Geröllhalden Leichenteile von Palästinensern gezogen und dann gefressen hätten. Krass, sagt Noi.“
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Krass. Die Jungs tun mir fast leid – erst töten sie Zivilist*innen, dann müssen sie auch noch deren Leichen sehen. Welch Tragödie.
Es gäbe zwar die Möglichkeit, dass Verletzte und Tote von Sanitätern und dem Zivilschutz geborgen werden – diese Möglichkeit wird aber regelmäßig von Israel zerstört.
Erst kürzlich wurden acht Sanitäter, sechs Zivilschützer und ein UNRWA-Mitarbeiter durch einen israelischen Angriff getötet. Ihre Leichen wurden mit den Rettungswagen in ein Massengrab geworfen – erst Tage später konnten sie geborgen werden. Insgesamt wurden bereits über 400 Helfer in Gaza ermordet [11].
Politik ohne Empathie
„Zvika nickt, er arbeitet als Assistent eines Likud-Abgeordneten.“
„Er sagt, dass der Krieg geführt werden müsse, um Israels Überleben zu sichern. Die 50.000 toten Palästinenser? Wir trauern um unsere Toten, die um ihre.“
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Mitleid mit den Menschen, deren Eltern und Kinder man ermordet hat? Fehlanzeige.
Reue für unzählige Kriegsverbrechen? Ebenfalls.
Tod auf Verdacht
„Eine der vielen Regeln als Soldat in Gaza: ‚Wenn du nachts in Gaza Licht in einem Haus siehst, in einer Gegend, wo kein Mensch sein darf, schießt du.‘“
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Klar, man schießt.
Wenn man erst Menschen vertreibt, Gebiete zu No-Go-Zonen erklärt und ethnisch säubert, ist es leicht, jeden dort als Terroristen zu sehen – und zu töten.
Doch viele Menschen können nicht fliehen – und viele wollen nicht.
Was als Massaker gilt – und was nicht
„Das Massaker vom 7. Oktober und der Krieg der Reservisten aber haben in Israels Armeeführung zu einem Bewusstseinswandel geführt.“
„Kurz nach dem Massaker der Hamas hatte Elad Chadad den Impuls, sich einberufen zu lassen.“
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Nur zweimal fällt im Text das Wort Massaker. Beide Male in Bezug auf den 7. Oktober – einen Tag, an dem die Hamas schwerste Kriegsverbrechen beging.
Aber auch die israelische Armee erschoss an diesem Tag eigene Zivilist*innen, um Geiselnahmen zu verhindern – ebenfalls ein Kriegsverbrechen [12].
Aber für die unzähligen Toten in Gaza scheint das Wort nicht vorgesehen zu sein.
Urlaub vom Krieg
Der Text endet mit einem Einblick in Nois Urlaub:
„…seine Frau und er an einem Strand in Thailand, Matcha Latte trinkend. Sie lächeln. Gut gehe es ihm, sagt Noi in einer Sprachnachricht, er schlafe wieder durch, Gaza sei ‚ganz weit weg‘.“
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Für ihn vielleicht.
Für Millionen Menschen bleibt Gaza der Ort, den sie Zuhause nennen – selbst wenn davon nur noch Trümmer übrig sind.
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