Einleitung
Wie in mehreren unserer bisherigen Artikel dargelegt, ist Krieg nicht etwa ein zufälliges Nebenprodukt politischer Fehlentscheidungen – sondern eines der brutalsten und offensichtlichsten Symptome des globalen kapitalistischen Herrschaftssystems. In einer Welt, in der sogenannte „nationale Interessen“ systematisch über das Leben und die Würde von Millionen Menschen gestellt werden, zeigt sich der wahre Charakter der herrschenden Klassen: Sie sind bereit, für Macht, Einfluss und ökonomische Dominanz über Leichen zu gehen.
Die geopolitischen Spannungen nehmen weltweit zu – und sie betreffen nicht nur Europa oder den Nahen Osten. Auch auf dem südasiatischen Subkontinent eskaliert die Lage zunehmend. Der jahrzehntelange Konflikt zwischen Indien und Pakistan, zwei atomar bewaffneten Staaten, flammt erneut auf – eine Entwicklung, die trotz ihrer enormen Tragweite medial nur bruchstückhaft beleuchtet wird, da andere Krisen den öffentlichen Diskurs dominieren.
Gerade weil die internationale Aufmerksamkeit abnimmt, sehen wir es als unsere Pflicht an, die gegenwärtige Zuspitzung zwischen Indien und Pakistan nicht nur darzustellen, sondern zu analysieren. Unser Anliegen ist es, die strukturellen Wurzeln des Konflikts zu benennen – nicht aus der Perspektive nationalistischer Narrative oder diplomatischer Floskeln, sondern aus Sicht der arbeitenden Klassen beider Länder. Denn solange wir Konflikte durch die Brille staatlicher Propaganda und kapitalistischer Interessen betrachten, bleiben deren wahre Ursachen im Dunkeln.
Dieser Artikel verfolgt daher das Ziel, die politischen Stellungnahmen – insbesondere der kommunistischen Parteien beider Länder – vergleichend zu betrachten, ihre jeweilige ideologische Ausrichtung einzuordnen und aufzuzeigen, was es heute bedeutet, für Frieden und Gerechtigkeit zu kämpfen: nämlich für eine Welt jenseits von Krieg, Nationalismus und Kapitalherrschaft.
Hintergrund des Konflikts und die politische Situation in beiden Nationen
Der Konflikt zwischen Indien und Pakistan ist so alt wie die Befreiung dieser Nationen selbst. Im August 1947 endete die britische Kolonialherrschaft auf dem indischen Subkontinent. Die Folge war die Teilung Britisch-Indiens in zwei unabhängige Staaten: das mehrheitlich hinduistische Indien und das muslimische Pakistan. Diese Teilung führte zu massiven Bevölkerungsbewegungen und gewaltsamen Auseinandersetzungen, bei denen schätzungsweise bis zu einer Million Menschen ums Leben kamen und Millionen vertrieben wurden. Im gleichen Jahr wie deren Befreiung gab es aufgrund der Kaschmir Region bereits den ersten Krieg der beiden “neu entstandenen” Nationen, da die im Himalaya gelegene Region zwar zum großteil von Muslimen belebt wurde, das damalige hinduistische Oberhaupt sich aber für eine Angehörigkeit an Indien eingesetzt hat.
So kam es dazu, dass das von 12,5 Millionen Menschen bewohnte Kaschmir von Pakistan und Indien regiert wird. Seit dieser Teilung gab es in dem Bereich immer wieder bewaffnete Auseinandersetzungen und zuletzt am 22.04.2025 im von Indien verwalteten Bereich einen Anschlag bei dem rund 26 Menschen gestorben, für welchen die Indische Regierung Pakistan verantwortlich macht und daraufhin, erst diplomatisch und seit dem 06.05.2025 auch militärisch reagiert.
(https://www.bpb.de/themen/kriege-konflikte/dossier-kriege-konflikte/215390/indien/)
Situation Indien
Die BJP verfolgt eine Politik, die stark von der Ideologie des Hindunationalismus geprägt ist. Diese Ideologie strebt danach, Indien als hinduistischen Staat zu definieren, was zu einer Marginalisierung religiöser Minderheiten führt. Ein Beispiel hierfür ist die Einweihung eines Hindu-Tempels in Ayodhya durch Modi, an der Stelle einer zuvor zerstörten Moschee, was als symbolischer Akt der hindu-nationalistischen Agenda gilt.
Unter der Regierung Modi hat sich die Lage der Pressefreiheit in Indien deutlich verschlechtert. Journalisten und Medienhäuser, die kritisch über die Regierung berichten, sehen sich zunehmend Repressionen ausgesetzt. So wurde beispielsweise die Nachrichtenplattform NewsClick Ziel von Razzien, bei denen zahlreiche Mitarbeiter festgenommen und technische Geräte beschlagnahmt wurden.
Auch internationale Medien bleiben nicht verschont: Nach der Ausstrahlung einer kritischen BBC-Dokumentation über Modi wurden die indischen Büros des Senders durchsucht. Solche Maßnahmen werden häufig unter dem Vorwand der nationalen Sicherheit gerechtfertigt, etwa durch das Anti-Terror-Gesetz UAPA, das weitreichende Befugnisse zur Inhaftierung ohne Gerichtsverfahren ermöglicht.
Die hindu-nationalistische Politik der BJP hat zu einem Anstieg von Gewalt gegen religiöse Minderheiten geführt, insbesondere gegen Muslime. Menschenrechtsorganisationen berichten von Fällen, in denen muslimische Eigentümer durch staatliche Behörden enteignet wurden. Zudem wird die Rhetorik führender BJP-Politiker als hetzerisch gegenüber Minderheiten kritisiert.
Ein weiterer bedeutender innerer Konflikt in Indien ist der Aufstand der maoistischen Naxaliten, der seit den 1960er Jahren andauert. Obwohl die Zahl der aktiven Kämpfer in den letzten Jahren zurückgegangen ist, bleibt der Konflikt gewaltsam. Allein im Jahr 2024 wurden bei einem Gefecht in Chhattisgarh 38 Maoisten getötet, was den schwersten Verlust für die Rebellen seit Beginn des Aufstands darstellt. In den letzten vier Jahren sind im Zusammenhang mit dem Naxaliten-Konflikt über 750 Menschen ums Leben gekommen, was ihn zum tödlichsten innerindischen Konflikt in diesem Zeitraum macht.
Die kommunistische Bewegung in Indien ist, ähnlich wie in Deutschland, noch relativ klein.
Aus marxistischer Sicht ist die wirtschaftliche Lage Indiens geprägt von einem krassen Widerspruch zwischen wirtschaftlichem Wachstum und sozialer Ungleichheit. Indien verzeichnet zwar seit Jahren ein solides BIP-Wachstum und hat sich zu einer der größten Volkswirtschaften der Welt entwickelt, doch dieses Wachstum kommt vor allem der städtischen Mittel- und Oberschicht sowie großen Konzernen zugute – während große Teile der Bevölkerung in Armut verharren oder im informellen Sektor unter prekären Bedingungen arbeiten.
Die neoliberale Ausrichtung der Regierung unter Narendra Modi hat zur weiteren Privatisierung staatlicher Infrastruktur, zum Abbau von Arbeiterrechten und zur Schwächung gewerkschaftlicher Organisierung geführt. Sozialprogramme wurden gekürzt, während gleichzeitig große Steuererleichterungen für Unternehmen beschlossen wurden. Der Reichtum konzentriert sich in den Händen weniger – etwa die Milliardäre Gautam Adani und Mukesh Ambani – während über 350 Millionen Menschen weiterhin unter oder knapp über der Armutsgrenze leben.
Besonders hart trifft dies Landarbeiterinnen, Tagelöhner*Innen und die städtische Unterschicht. Diese Schichten sind wirtschaftlich weitgehend entrechtet und politisch marginalisiert. Die wachsende Ungleichheit zeigt sich auch geografisch: Während Metropolen wie Bengaluru oder Mumbai boomen, verarmen viele ländliche Regionen weiter. Aus marxistischer Sicht ist dies ein Ausdruck des fortgesetzten Klassenkampfs von oben – ein System, das die Ausbeutung der Arbeitskraft für den Profit weniger ermöglicht und strukturell verfestigt.
Situation Pakistan
Die politische Landschaft Pakistans ist stark geprägt vom Einfluss des Militärs und einer traditionellen Elite aus Großgrundbesitzern, Industriellen und religiösen Führern. Diese Konstellation hat eine demokratische Kultur verhindert, in der soziale Bewegungen, Arbeiterinteressen oder progressive Kräfte langfristig wirken könnten. Stattdessen wechseln sich zivile Regierungen ab, die meist unter direktem oder indirektem Einfluss des Militärs stehen. Die Absetzung des ehemaligen Premierministers Imran Khan im Jahr 2022 und seine anschließende Inhaftierung gelten vielen Beobachter*innen als Ausdruck dieses autoritären Machtapparats, der politische Gegner ausschaltet, um die bestehende Ordnung zu sichern.
Die Pressefreiheit in Pakistan ist stark eingeschränkt. Medienschaffende, die kritisch über Militär, Regierung oder Wirtschaftseliten berichten, sehen sich mit Einschüchterung, Gewaltandrohungen oder Berufsverboten konfrontiert. Zahlreiche Journalistinnen wurden in den letzten Jahren verhaftet oder verschwanden spurlos – oft ohne juristische Grundlage. Diese Repressionen werden meist mit „Sicherheitsbedenken“ oder „Staatsgefährdung“ gerechtfertigt, ein Vorwand, der willkürlich gegen jede kritische Stimme eingesetzt werden kann. Internationale Organisationen wie Reporter ohne Grenzen stufen Pakistan regelmäßig als eines der gefährlichsten Länder für Journalistinnen ein.
Die autoritäre Struktur des pakistanischen Staates geht einher mit einer tiefen sozialen Spaltung. Aus marxistischer Perspektive wird diese Krise durch eine wirtschaftliche Ordnung verschärft, in der Reichtum systematisch in den Händen weniger konzentriert ist. Während ein kleiner Teil der Elite von der Zusammenarbeit mit internationalen Institutionen wie dem IWF und von Auslandskapital profitiert, lebt ein Großteil der Bevölkerung in Armut. Besonders ländliche Arbeiterinnen, Tagelöhner*innen und Binnenvertriebene sind von prekären Arbeitsbedingungen und fehlendem Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung oder sozialen Sicherungssystemen betroffen.
Pakistan befindet sich zudem in einer schweren wirtschaftlichen Abwärtsspirale. Die hohe Inflation – teilweise über 30 % – hat lebenswichtige Güter wie Brot, Reis oder Strom für viele Menschen nahezu unerschwinglich gemacht. Zugleich erzwingen IWF-Kredite strukturelle Anpassungsmaßnahmen: Privatisierungen, Subventionskürzungen und Massenentlassungen. Diese Maßnahmen belasten vor allem die ärmsten Teile der Gesellschaft, während Eliten weiterhin über Steuerflucht, Korruption und Nepotismus profitieren.
Klimakatastrophen wie die verheerenden Überschwemmungen 2022 haben die sozialen Verwerfungen weiter verschärft. Millionen Menschen verloren ihre Existenzgrundlage, doch anstatt eine solidarische Krisenpolitik zu betreiben, nutzte der Staat die Situation zur weiteren Militarisierung und Kontrolle betroffener Regionen. Aus marxistischer Sicht ist diese politische Ökonomie Ausdruck eines tief sitzenden Klassenkonflikts, der im globalen Kapitalismus verankert ist – ein System, das für die strukturelle Ausbeutung der Mehrheit durch eine privilegierte Minderheit verantwortlich ist.
Vorläufiges Fazit
Ein genauer Blick auf Indien und Pakistan offenbart mehr als nur einen langanhaltenden geopolitischen Konflikt – er zeigt die tiefe soziale Krise zweier bürgerlichen Staaten, in denen politische Instabilität, wirtschaftliche Ungleichheit und autoritäre Tendenzen Hand in Hand gehen. Sowohl in Indien als auch in Pakistan leiden die arbeitenden Klassen massiv unter neoliberaler Politik, repressiven Staatsapparaten und einer zunehmend militarisierten Gesellschaft. In beiden Ländern wird Politik maßgeblich im Interesse einer kleinen Elite betrieben – das Kapital herrscht, während die Mehrheit der Bevölkerung mit steigenden Preisen, fehlender sozialer Absicherung und politischer Repression konfrontiert ist.
Dabei zeigt sich nicht nur innerhalb der beiden Staaten ein brisantes Spannungsfeld. Auch im bilateralen Verhältnis der beiden Atommächte bleibt die Lage hochgradig angespannt. Die Interessen beider Regierungen kollidieren regelmäßig – sei es territorial, ideologisch oder geopolitisch. Anstatt nach gemeinsamen Lösungen zu suchen, scheinen Misstrauen und Konfrontation zu dominieren. Der jüngste Höhepunkt dieser Entwicklung ist die sogenannte „Operation Sindoor“, bei der Indien nach dem Anschlag vom 22. April 2025 in Kaschmir – für den es Pakistan verantwortlich macht – gezielte Luftangriffe auf pakistanisches Territorium geflogen hat. Das Militär beider Länder wurde daraufhin in Alarmbereitschaft versetzt.
Doch nicht nur das Militär, auch zivile Mechanismen der Zusammenarbeit geraten unter Druck. Ein besonders alarmierendes Beispiel dafür ist der Indus-Wasservertrag von 1960, der bisher als eine der wenigen stabilen Vereinbarungen zwischen beiden Staaten galt. Indien droht nun offen mit einer Kündigung dieses Abkommens – ein Schritt, der Millionen Menschen in Pakistan die Lebensgrundlage entziehen könnte. Wasser, das existenziell für Landwirtschaft und Energiegewinnung ist, wird zunehmend zum geopolitischen Druckmittel. Dieser Konflikt zeigt exemplarisch, wie auch jenseits des Schlachtfelds Machtpolitik betrieben wird – auf Kosten derjenigen, die ohnehin am meisten unter den bestehenden Verhältnissen leiden.
Was bleibt, ist ein bedrückendes Bild: Zwei Nachbarstaaten, deren Bevölkerung unter ähnlichen strukturellen Zwängen leidet, stehen sich zunehmend feindlich gegenüber – nicht weil ihre Interessen grundlegend verschieden wären, sondern weil ein System dominiert, das auf Konkurrenz, Ausbeutung und nationaler Abschottung beruht. Nur eine Bewegung, die von unten kommt und sich gegen diese kapitalistische Logik stellt, kann auf Dauer echte Stabilität, soziale Gerechtigkeit und Frieden ermöglichen.
Vergleich der Stellungnahmen beider KP’s
In der Betrachtung geopolitischer Konflikte, insbesondere im Fall Indien-Pakistan, dominiert in der Regel die Perspektive staatlicher Institutionen und Regierungsapparate. Deren Stellungnahmen sind oft von nationalistischen Rhetoriken, strategischem Kalkül und imperialistischen Interessen geprägt. Auch in der aktuellen Zuspitzung der Lage – insbesondere nach der Operation „Sindoor“ und den gegenseitigen Schuldzuweisungen im Zuge des Anschlags vom 22. April 2025 – erscheinen die offiziellen Positionen beider Regierungen vorhersehbar und wenig auf eine tatsächliche Lösung des Konflikts ausgerichtet.
Für diesen Blog steht jedoch eine andere Perspektive im Fokus: die der kommunistischen Parteien beider Länder. Denn wer den Konflikt und die drohende militärische Eskalation im Sinne einer emanzipatorischen, klassenorientierten Analyse verstehen will, muss sich jenseits der staatlichen Narrative bewegen. Die Stellungnahmen der KP’s in Indien und Pakistan – so marginalisiert sie im politischen Mainstream auch sein mögen – bieten wertvolle Einblicke in die Perspektiven der organisierten Linken: Sie fragen nach den Ursachen hinter der Eskalation, nach der Rolle des Imperialismus, des Nationalismus und der ökonomischen Bedingungen, unter denen dieser Konflikt immer wieder neu befeuert wird. Im folgenden Abschnitt soll daher ein Vergleich dieser linken Stimmen vorgenommen werden – mit dem Ziel, herauszuarbeiten, wie die kommunistischen Parteien in Indien und Pakistan die jüngste Entwicklung bewerten, wo sie Übereinstimmungen und Unterschiede erkennen, und wie sie sich zu einer möglichen Eskalation äußern. Dabei geht es auch um die Frage: Gibt es eine grenzüberschreitende, anti-militaristische Solidarität von unten – oder ist auch die Linke in nationale Lager zersplittert?
Stellungnahme der indischen KP
“Kommunistische Partei Indiens (Marxistisch) Politbüro – Pressemitteilung Zur Operation Sindoor
Die Operation Sindoor wurde von den indischen Streitkräften durchgeführt, mit dem Ziel, Terrorcamps und -infrastrukturen in Pakistan-adminstrierten Kaschmir (PoK) und Pakistan zu zerstören. Laut den Streitkräften waren diese Angriffe gezielt, maßvoll und nicht eskalierend, und sie wurden erfolgreich an neun verschiedenen Orten durchgeführt.
Bei der von der Unionsregierung einberufenen All-Party-Konferenz haben alle politischen Parteien die Maßnahmen der Union gegen die Terroristen und deren Unterstützer unterstützt.
Neben diesen Maßnahmen sollte der Druck auf Pakistan fortgesetzt werden, diejenigen, die für das Massaker an unschuldigen Menschen in Pahalgram verantwortlich sind, an Indien auszuliefern und sicherzustellen, dass keine Terrorcamps mehr von seinem Territorium aus operieren. Die indische Regierung sollte sicherstellen, dass die Einheit des Volkes und die Integrität des Landes geschützt werden.”
~ Sinngemäße Übersetzung
[Original: https://cpim.org/on-operation-sindoor/]
Die Pressemitteilung der CPI(M) zur sogenannten „Operation Sindoor“, einer Militäroperation der indischen Streitkräfte gegen mutmaßliche Terrorcamps im pakistanisch kontrollierten Teil Kaschmirs (PoK) und Pakistan, lässt nicht nur an marxistischer Klarheit vermissen, sondern wirft auch grundsätzliche Fragen zur politischen Ausrichtung der Partei auf.
Im ersten Abschnitt der Mitteilung übernimmt die CPI(M) nahezu unkritisch die Darstellung der Regierung und der Streitkräfte. Die Angriffe werden als „gezielt“, „maßvoll“ und „nicht eskalierend“ beschrieben – Formulierungen, die den Ton staatlicher Militärpropaganda wiedergeben. Dass eine kommunistische Partei derartige Narrative übernimmt, ohne sie in den Kontext imperialistischer bzw. nationalchauvinistischer Politik zu setzen, ist problematisch. Gerade von einer marxistischen Partei wäre zu erwarten, dass sie die Ursachen solcher Eskalationen analysiert, etwa im Zusammenhang mit innerstaatlichen Krisen, wachsendem Nationalismus oder kapitalistischer Konkurrenzpolitik.
Besonders auffällig ist die Berufung auf das sogenannte „All Party Meeting“, bei dem laut CPI(M) alle im Parlament vertretenen Parteien die Militäroperation unterstützten. Diese Aussage ist bemerkenswert, da sie die CPI(M) selbst mit einschließt – ohne sich inhaltlich von der Regierungsposition abzugrenzen. Tatsächlich berichteten verschiedene indische Medien, dass auch Vertreter der CPI(M) die Operation ausdrücklich als „nicht eskalierend“ bezeichneten. Diese Position offenbart ein erhebliches politisches Problem: Anstatt sich mit einer internationalistischen Perspektive gegen die Kriegspolitik der Modi-Regierung zu stellen, reiht sich die CPI(M) in den nationalen Konsens ein.
Im dritten Absatz wird diese problematische Haltung weiter verstärkt. Dort spricht die Partei davon, dass die „Einheit und Integrität des Landes“ geschützt werden müsse – ein Ausdruck, der klar dem nationalistischen Diskurs entstammt. Hier zeigt sich der wachsende Einfluss eines staatsfixierten Patriotismus innerhalb der CPI(M), der in direktem Widerspruch zum proletarischen Internationalismus steht. Es wird ignoriert, dass militärische Eskalationen stets auf Kosten der Arbeiterklasse gehen – sowohl in Indien als auch in Pakistan. Dass durch Kriege staatliche Ausgaben für soziale Dienste gekürzt, demokratische Freiheiten eingeschränkt und Minderheiten unterdrückt werden, findet in der Erklärung keinerlei Erwähnung.
Die Stellungnahme zeigt deutlich, woran es der CPI(M) derzeit fehlt: an einer klaren, klassenbasierten, internationalistischen Analyse. Statt Deeskalation, Solidarität und Kritik an der Regierungspolitik zu fordern, legitimiert die Partei faktisch die militaristische Außenpolitik des bürgerlichen Staates – unter dem Vorwand der Terrorabwehr. Dieses Argumentationsmuster ist international bekannt und wird häufig genutzt, um imperiale oder repressive Maßnahmen zu rechtfertigen.
Besonders besorgniserregend ist, dass hinter der Berufung auf nationale Einheit und Integrität möglicherweise eine stillschweigende Akzeptanz hindu-nationalistischer Konzepte mitschwingt – eine Entwicklung, die für eine kommunistische Partei, gerade in einem Land wie Indien mit seiner religiösen Vielfalt, fatal wäre.
Die CPI(M) verpasst mit ihrer Stellungnahme zur „Operation Sindoor“ eine wichtige Gelegenheit, sich als konsequente, friedensorientierte Stimme im indischen Parteienspektrum zu positionieren. Stattdessen reiht sie sich in den Chor der Regierungsunterstützer ein und opfert grundlegende marxistische Prinzipien dem Druck nationaler Einheit und vermeintlicher Sicherheitspolitik. Dies lässt ernste Zweifel an der revolutionären Ausrichtung der Partei aufkommen.
Stellungnahme der pakistanischen KP
“Kein Krieg zwischen Indien und Pakistan – sondern Klassenkrieg! Nieder mit dem bürgerlichen Militarismus, vorwärts mit proletarischem Internationalismus!
Die Kommunistische Partei Pakistans, fest verwurzelt in der marxistisch-leninistischen Tradition, verurteilt entschieden sowohl die militärische Aggression des indischen bürgerlichen Staates als auch die Gegenaggression der pakistanischen herrschenden Klasse. Es handelt sich hierbei nicht um Befreiungskriege und schon gar nicht um Kämpfe im Interesse des Proletariats – es sind Konfrontationen rivalisierender Bourgeoisien um regionale Vorherrschaft auf dem Rücken der arbeitenden Klassen.
Wir stellen klar: Die werktätigen Massen in Indien und Pakistan haben nichts zu gewinnen bei dem nationalistischen Säbelrasseln ihrer jeweiligen Regierungen. In einer Region, die über Atomwaffen verfügt, birgt diese Eskalation das reale Risiko einer Katastrophe, die weder Kaste, Glauben noch Klasse verschont – aber insbesondere das Leben und die Existenz von Arbeiterinnen, Bäuerinnen und Armen zerstören würde. Solche militärischen Manöver sind nichts weiter als Ablenkung: ein Schleier, der die wachsende kapitalistische Krise verdecken soll – mit Inflation, Arbeitslosigkeit und wachsender sozialer Unruhe. Es ist ein altbewährtes Mittel bürgerlicher Regime, um reaktionären Nationalismus zu schüren und das Aufkommen eines klassenbewussten Widerstands zu unterdrücken.
Die Kommunistische Partei Pakistans ruft die Arbeiterklasse und alle fortschrittlichen Kräfte in Südasien dazu auf, diesem falschen Nationalismus eine klare Absage zu erteilen und den proletarischen Internationalismus zu stärken. Unser Kampf richtet sich nicht gegen die Arbeiter*innen jenseits der Grenze, sondern gegen die Kompradorbourgeoisie, die feudalen Überreste und den militärisch-industriellen Komplex, der vom Blutvergießen profitiert. Der Weg zu dauerhaftem Frieden führt nicht über diplomatische Pflasterlösungen zwischen rivalisierenden Staaten – sondern über die revolutionäre Überwindung des Kapitalismus, die Zerschlagung des bürgerlichen Militarismus und die klassenübergreifende Solidarität der Ausgebeuteten.
Lasst die Kriegstrommeln des Chauvinismus verstummen – und die Rufe internationaler Solidarität laut werden.
Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
Inquilab Zindabad – Es lebe die Revolution!Zentralsekretariat, Kommunistische Partei Pakistans”
~ Sinngemäße Übersetzung
[Original: http://www.solidnet.org/article/CP-of-Pakistan-No-INDO-PAK-War-but-Class-War-Down-with-Bourgeois-Militarism-Forward-with-Proletarian-Internationalism/]
Die Stellungnahme der Kommunistischen Partei Pakistans (CPP) zum aktuellen Indo-Pak-Konflikt hebt sich in bemerkenswerter Weise von den Reaktionen anderer politischer Kräfte in der Region ab. Während viele Parteien – selbst solche mit einem vermeintlich linken Anspruch – der nationalen Linie folgen oder sich zumindest rhetorisch auf die Seite ihrer jeweiligen Regierung schlagen, gelingt es der CPP, eine internationalistische und klassenbewusste Analyse zu formulieren, die dem marxistisch-leninistischen Anspruch tatsächlich gerecht wird.
Bereits im Titel der Erklärung wird deutlich, worum es der Partei geht: Nicht „Indien gegen Pakistan“, sondern „Oben gegen Unten“. Mit der Formel „No INDO-PAK War but Class War“ wird der gesamte Charakter des Konflikts entlarvt – als ein Krieg der herrschenden Klassen zur Wahrung ihrer Macht und zur Ablenkung von der inneren Krise. Die CPP stellt klar, dass es sich bei der „Operation Sindoor“ und der darauffolgenden militärischen Reaktion Pakistans nicht um Befreiungskriege oder legitime Selbstverteidigung handelt, sondern um die Fortsetzung kapitalistischer Rivalität mit militärischen Mitteln. Es sind, so die Partei, Kriege der Bourgeoisie gegen die Bourgeoisie – aber auf dem Rücken der Arbeiterinnen, der Bäuerinnen, der Armen.
In ihrer Analyse geht die CPP über eine rein moralische Verurteilung hinaus. Sie benennt konkret, wer vom Krieg profitiert: das Militär, das kapitalistische Großkapital und die feudalen Reste innerhalb des Staates. Ihnen gegenüber steht das Proletariat – zersplittert, entrechtet, ausgebeutet –, das keine gemeinsame Sache mit „seiner“ Nation machen darf, wenn diese Nation nur das Projekt der herrschenden Klasse ist. Stattdessen fordert die Partei grenzüberschreitende Solidarität der Arbeiter*innen beider Länder, eine Wiederbelebung des proletarischen Internationalismus – und damit den einzig glaubwürdigen Weg hin zu einem echten, dauerhaften Frieden.
Die Stellungnahme trifft zudem den entscheidenden Punkt: Kriege werden nicht geführt, weil sie notwendig sind – sondern weil sie nützlich sind. Für jene, die an der Spitze der kapitalistischen Pyramide stehen, ist die Eskalation des Nationalismus ein willkommenes Mittel, um von wachsender Armut, Inflation, Arbeitslosigkeit und sozialem Protest abzulenken. Während die Regierungen beider Länder nach außen den starken Staat markieren, kollabieren ihre Sozialsysteme, verarmen Millionen, und wächst der Widerstand – doch statt auf diesen Widerstand zu hören, wird er durch patriotisches Säbelrasseln niedergebrüllt.
Im direkten Vergleich zur CPI(M), der Kommunistischen Partei Indiens (Marxistisch), wird die Schärfe und Klarheit der CPP noch deutlicher. Während sich die CPI(M) zur nationalen Integrität bekennt, sich dem Regierungsdiskurs unterordnet und den Militäreinsatz als „maßvoll“ beschreibt, vertritt die CPP eine prinzipienfeste marxistische Linie: Sie lehnt jeglichen bürgerlichen Militarismus ab – unabhängig davon, ob dieser aus Indien oder aus Pakistan kommt. Diese Position mag unbequem sein, aber sie ist notwendig. Sie ist Ausdruck von Überzeugung, nicht von Opportunismus.
Die Erklärung der Kommunistischen Partei Pakistans verdient Aufmerksamkeit und Respekt. Sie formuliert eine klare, klassenbasierte Ablehnung des Krieges, benennt die wahren Profiteure der Eskalation und zeigt eine politische Perspektive auf, die nicht in nationalistischer Verblendung endet, sondern in internationaler Solidarität wurzelt.
Für eine linke Bewegung, die sich ernsthaft gegen Krieg, Kapitalismus und Unterdrückung stellt, sollte diese Stellungnahme nicht nur als Reaktion auf den aktuellen Konflikt verstanden werden, sondern als Grundlage für eine dauerhafte antimilitaristische Haltung in einer Region, die immer wieder durch die Spannungen zweier atomar bewaffneter Staaten in den Abgrund zu stürzen droht.
Schlussfolgerung
Die Stellungnahmen der kommunistischen Parteien Indiens und Pakistans könnten ideologisch kaum weiter voneinander entfernt sein. Während die Kommunistische Partei Indiens eine nationalstaatliche Linie vertritt und sich offen mit den militaristischen Maßnahmen der eigenen Regierung identifiziert, fehlt ihr jegliche klassenkämpferische oder antimilitaristische Klarheit – geschweige denn eine internationalistische Perspektive. Diese Haltung entlarvt die CPI(M) als Partei, die zwar formal noch marxistisch erscheint, praktisch jedoch zu einem Instrument der bürgerlichen Ordnung degeneriert ist.
Im scharfen Kontrast dazu steht die Stellungnahme der Kommunistischen Partei Pakistans, die den Charakter des Krieges mit großer ideologischer Klarheit analysiert. Sie benennt unverblümt, dass nicht das Volk, nicht die Arbeiter*innen, nicht die Armen, sondern die herrschenden Klassen – die Bourgeoisie, der Militärkomplex und die Feudaleliten – die einzigen Nutznießer dieses Konflikts sind. Das Proletariat hingegen bezahlt den Preis: mit Blut, mit Hunger, mit der Zerschlagung seiner Lebensgrundlagen.
Gerade in Zeiten wachsender Kriegsgefahr wird deutlich, wie essenziell der Aufbau einer wahrhaft kommunistischen Partei ist – einer Partei, die die Arbeiterklasse als vereinte Kraft organisiert, unabhängig von Nation, Religion, Kaste oder Geschlecht. Eine Partei, die nicht der eigenen Flagge dient, sondern der Nationalen- sowie Weltrevolution. Die Aufgabe der Kommunisten kann nicht sein, sich hinter ihre jeweilige Bourgeoisie zu stellen, sondern die internationalen Bande der Solidarität zu stärken und das falsche Spiel des Nationalismus zu durchbrechen.
Wir rufen daher die Kommunistischen Parteien beider Länder auf, sich nicht länger von Landesgrenzen, Chauvinismus oder „nationalen Interessen“ leiten zu lassen. Der wahre Weg zur Befreiung liegt in der Überwindung dieser künstlichen Trennlinien – hin zu einer gemeinsamen revolutionären Bewegung der Ausgebeuteten.
Am wichtigsten jedoch bleibt: Der Tod muss ein Ende haben. Die Herrschenden dürfen nicht länger ihre Jugend, ihre Arbeiter, ihre Armen verheizen wie Feuerholz in einer Berghütte des Himalayas – geopfert auf dem Altar kapitalistischer Machtpolitik.
Der Feind steht nicht jenseits der Grenze – der Feind steht im eigenen Land.
Krieg dem Krieg – Frieden durch Sozialismus!
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