In ganz Europa häufen sich seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022, Berichte über Drohnensichtungen, häufig in der Nähe wichtiger Infrastruktur. Medien und Politiker sehen oft Russland als Täter. So erklärte Bundeskanzler Friedrich Merz in einer Talkshow im vergangenen Monat: „Unsere Vermutung ist, dass Russland hinter den meisten dieser Drohnen-Flüge steckt“. Konkrete Belege für diese Vermutung legte jedoch weder er noch andere Regierungsvertreter bislang vor.
Kürzlich veröffentlichte nun die niederländische Tageszeitung Trouw zusammen mit der Plattform Dronewatch einen Bericht in welchem insgesamt 61 Drohnensichtungen über Europa untersucht wurden – mit einem interessanten Ergebnis.
Drohnensichtungen über Europa – das wissen wir
Insgesamt wurden 61 Drohnensichtungen in europäischen Staaten untersucht. Die untersuchten Ereignisse reichen von Spanien über Deutschland und Polen bis nach Norwegen, die meisten untersuchten Objekte befinden sich in Belgien, Deutschland (neun untersuchte Sichtungen) und Dänemark.
Bei nur drei dieser Sichtungen konnten Beweise dafür gefunden werden, dass es sich tatsächlich um russische Drohnen handelte. Die drei Fälle in Polen, Moldawien und Rumänien ereigneten sich alle in relativer Nähe zur ukrainischen Grenze.
Bei dem Großteil der Sichtungen (40) ist hingegen nicht bekannt, woher die Drohnen kamen oder ob überhaupt welche gesichtet wurden.
Zwei Beispiele dafür sind die Flughäfen Oslo (Norwegen) und Göteborg-Landvetter (Schweden). Beide wurden nach vermeintlichen Drohnensichtungen zunächst stillgelegt; im Nachhinein stellte die Polizei die Ermittlungen jedoch ein, da es keine Belege für tatsächliche Sichtungen gab.
In mindestens 14 weiteren Fällen konnte im Nachhinein nachgewiesen werden, dass es sich bei den Sichtungen um etwas anderes als Drohnen gehandelt hat.
So schrieb zum Beispiel die norwegische Tageszeitung Verdens Gang am 29. September 2025, dass die Polizei aufgrund einer Drohnensichtung über einer Ölplattform in der Nordsee Ermittlungen eingeleitet habe, nur um 14 Tage später zu verkünden, dass die Polizei zu dem Ergebnis gekommen sei, dass die „Lichtbeobachtungen von Schiffen und nicht von Drohnen stammten.“
Die Meldung von den angeblichen Drohnensichtungen übernahmen aber auch deutsche Medien, so zum Beispiel die Frankfurter Rundschau. Die Zeitung titelt am 1. Oktober: „Drohne über Norwegen-Gasfeld: Putin testet Europas Abwehr“. Dass es keinerlei Anhaltspunkte dafür gibt, dass es sich wirklich um eine Drohne gehandelt hat, geschweige denn, dass diese aus Russland kam, lässt diese Überschrift nicht erkennen. Im Gegenteil, der Täter, Putin, steht fest.
Und auch englischsprachige Medien berichteten über die angebliche Drohnensichtung, so zum Beispiel das Nachrichtenportal The New Voice of Ukraine undThe Kyiv Independent. Beide bringen die angeblichen Sichtungen in Verbindung mit anderen Drohnenvorfällen und sehen Russland als Täter.
Trotz der Einschätzung der Polizei und dem Einstellen des Verfahrens korrigierten alle drei Medien ihre Meldungen nicht.
Regierung ohne Belege: Wie Berlin auf die Analyse reagiert
Am 3. Dezember wurde der Stellvertretende Pressesprecher der Bundesregierung Steffen Meyer auf die Analyse von Trouw und Dronewatch in der Regierungspressekonferenz angesprochen.
Auf die Frage, ob der Bundesregierung die Analyse vorliegt und was die Rückschlüsse des Kanzlers daraus sind, wurde von Seiten der Regierung sehr abweisend reagiert.
Zwar sei ihm die Studie nicht bekannt, erklärte der Pressesprecher, aber seiner Meinung nach wäre es eine „gewagte These […] die hybriden Bedrohungen, die durch Russland ausgehen, hier mal eben mit einem Federstrich […] zur Seite zu wischen“.
Auf die Frage, ob die Bundesregierung Belege dafür habe, dass Russland hinter einem Großteil der Drohnensichtungen in Europa stecke, konnte Herr Meyer erneut keine konkreten Nachweise vorlegen. Stattdessen verwies er erneut auf hybride Bedrohungsszenarien, deren Ziel es sei, die Urheberschaft bewusst im Unklaren zu lassen.
Das Feindbild bleibt damit bestehen – ungeachtet fehlender Belege und entgegenstehender Hinweise.
Sind Drohnen die neuen UFOs?
Doch wenn nicht „der Russe“ für jede vermeintliche Drohnensichtung in Europa verantwortlich ist – was ist dann für den Anstieg der Sichtungen verantwortlich?
Die Erklärungen dafür sind vielfältig. Ein Großteil der angeblichen Drohnensichtungen basiert auf rein visuellen Beobachtungen durch das menschliche Auge. Damit liegt eine erste, naheliegende Erklärung auf der Hand: Fehlwahrnehmungen aufgrund von Dunkelheit, schlechter Sicht, großer Entfernung oder der Verwechslung mit Sternen, Flugverkehr und anderen Lichtquellen am Himmel.
Was laut Dronewatch auch für diese Erklärung spricht, ist, dass die Zahl der Drohnensichtungen in Belgien zurückging, nachdem ein neues Radarsystem in Dienst gestellt wurde. Dieses spezielle System ist mobil und auf die Erkennung von kleinen Drohnen spezialisiert. Es kann an Flughäfen aber auch bei Massenveranstaltungen eingesetzt werden.
Auch aus der Psychologie und der Soziologie kommen weitere plausible Erklärungsmodelle. So lassen sich die Sichtungen mit der Verfügbarkeitsheuristik, dem Confirmation-Bias und Priming-Effekten erklären.
Kurz gesagt erklären diese Effekte, warum Menschen ihre Umwelt anders wahrnehmen, als sie wirklich ist. So neigen wir etwa dazu, ein unbekanntes Objekt für eine Drohne zu halten, wenn zuvor häufig in den Medien vor Drohnen gewarnt wurde und wir daher unterbewusst erwarten, dass es eine Drohne ist.
Im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert meldeten Menschen überall vermeintliche UFOs. Lichtphänomene, Flugzeuge oder andere schwer einzuordnende Objekte wurden – befeuert durch die mediale Aufladung des UFO-Themas in Film und Nachrichten – häufig als außerirdische Erscheinungen interpretiert. Mit dem Aufkommen des neuen „Bedrohungsszenarios Drohnen“ hat sich dieses Muster verschoben:
Aus den UFOs von damals sind die Drohnen von heute geworden, die Menschen nun an vielen Orten gesehen haben wollen.
Und was jetzt?
Die Drohnen, die Menschen nun angeblich überall über Europa sehen, sollten weniger die Frage nach einer russischen Bedrohung aufwerfen, sondern vielmehr jene nach Kriegspropaganda und Militarisierung – und danach, wie beides zusammen eine Eskalationsspirale erzeugt, die uns zwangsläufig in einen größeren Krieg treiben wird.
Seit fast vier Jahren wird das Feindbild des „Russen“ aufgebaut – als stünde er kurz davor, vor Berlin oder Paris zu stehen. Dass die russische Armee nicht die Kapazitäten besitzt, einen Krieg gegen die NATO zu führen oder gar Europa zu besetzen, spielt in der deutschen Berichterstattung jedoch kaum eine Rolle.
Sollte diese Eskalationsspirale aus Aufrüstung und Kriegsrhetorik in den kommenden Jahren tatsächlich in einem Krieg enden, wäre es für die Arbeiterklasse letztlich unerheblich, wer den ersten Schuss abgibt – sterben würden dennoch diejenigen an der Front.
Wenn Krankenhäuser überfüllt sind, Schulen und Wohnungen zerstört werden und Millionen Soldaten fallen, stellt sich kaum noch die Frage, ob zusätzliche Milliarden für die Bundeswehr einen Krieg hätten verhindern können. Ein militärischer Konflikt zwischen NATO und Russland wäre vermutlich der letzte – ein Krieg, der nicht kontrollierbar wäre und in einen globalen Atomkonflikt eskalieren könnte.
Währenddessen sollen wir blind einem Kriegsminister vertrauen, der gemeinsam mit Kriegsindustrie und Wirtschaft von „Kriegstüchtigkeit“ gegen „das Böse“ fantasiert.
Und sollte die erste Bombe über Deutschland fallen, wird man uns sagen, wir sollen für Demokratie und Freiheit sterben.
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