Der 1. Mai gehört uns – Warum Antifaschismus heute Klassenfrage ist

Einleitung

Seinen Ursprung hat er in der Arbeiter:innenbewegung des 19. Jahrhunderts, insbesondere in den Kämpfen um den 8-Stunden-Tag. 1886 streikten Hunderttausende in den USA, am bekanntesten: der Streik in Chicago, der im sogenannten Haymarket-Massaker blutig niedergeschlagen wurde. Die Polizei erschoss Streikende, mehrere Arbeiteraktivisten wurden später hingerichtet. Der 1. Mai wurde daraufhin von der internationalen Arbeiter:innenbewegung als Tag des weltweiten Klassenkampfs ins Leben gerufen – in Erinnerung an die Ermordeten, im Kampf für ein besseres Leben.

Bis heute ist der 1. Mai ein Symbol für Solidarität, Organisierung und den Widerstand gegen Ausbeutung, Repression und Faschismus. Wer an diesem Tag marschiert, tut es in einer langen Tradition der Kämpfe von unten – gegen ein System, das Profite über Menschen stellt.

Nazi-Demo in Gelsenkirchen

Wer bei der Demo in Gelsenkirchen nur mit einer kleinen Parteiveranstaltung gerechnet hatte, wurde eines Besseren belehrt: Die extrem rechte Partei „Die Heimat“ (ehemals NPD) trat zwar formal als Veranstalterin auf – doch die Teilnehmenden rekrutierten sich aus einem breiteren Spektrum von rund 180 organisierter Neonazis und rechtsextremer Gruppierungen. Besonders auffällig war die Präsenz der Kleinstgruppierung „Jung und Stark“, die in der Vergangenheit durch einschüchterndes Auftreten, aggressive Rhetorik und Nähe zu offen nationalsozialistischen Kräften aufgefallen ist.

„Jung und Stark“ ist kein harmloser Jugendverein, sondern ein Knotenpunkt militanter Rechter, die sich gerne als „patriotische Jugendbewegung“ inszenieren, tatsächlich aber tief in die faschistische Szene vernetzt sind. Ihre Teilnahme zeigt: Die Nazi-Demo war kein lokales Randphänomen, sondern Ausdruck einer bundesweit vernetzten Strategie der Rechten, den öffentlichen Raum zurückzuerobern – insbesondere an symbolisch aufgeladenen Tagen wie dem 1. Mai.

Auch Einzelpersonen aus anderen extrem rechten Spektren – darunter bekannte Gesichter der freien Kameradschaftsszene, ehemalige Mitglieder der „Die Rechte“ sowie Angehörige identitärer und verschwörungsideologischer Strukturen – waren vor Ort. Der Aufmarsch war nicht nur eine Provokation, sondern ein gezielter Angriff auf all jene, die sich für eine solidarische Gesellschaft einsetzen. Der Bezug zum Nationalsozalismus und dessen positive Darstellung wurde besonders durch Banner mit Aufschriften wie „1. Mai […] Feiertag seit 1933“ deutlich.

Die Gegenproteste – Solidarität auf der Straße, Repression durch den Staat

Dem faschistischen Aufmarsch in Gelsenkirchen stellten sich am 1. Mai zahlreiche Menschen entgegen. Der Protest war laut, entschlossen und vielfältig – mit Transparenten und Blockadeversuchen wurde klar signalisiert: Die Straßen gehören nicht den Faschisten.

Doch während sich die Zivilgesellschaft dem rechten Aufmarsch mutig in den Weg stellte, zeigte sich erneut, auf wessen Seite die Staatsgewalt steht. Die Polizei war mit einem Großaufgebot inklusive Wasserwerfer und Pferden vor Ort – nicht etwa, um die Rechte von Antifaschist:innen zu schützen, sondern um der Nazidemonstration der Partei „Die Heimat“ ein reibungsloses Durchkommen zu ermöglichen.

Statt den Aufmarsch rechter Hetzer zu behindern, wurde der Gegenprotest systematisch schikaniert: Einkesselungen, massive Polizeipräsenz an Blockadepunkten, brutales Vorgehen gegen Sitzblockaden, das Filmen von Demonstrierenden sowie willkürliche Platzverweise und Drohgebärden prägten das Bild, alles davon können wir aus erster Hand berichten. Mehrfach wurden Teilnehmer:innen der Gegenkundgebungen von Polizist:innen geschubst, beleidigt oder mit Schlagstockeinsatz bedroht – während sich die Nazis unter Polizeischutz frei bewegen konnten.

Der Versuch, die rechte Provokation auf dem Rücken derer durchzusetzen, die sich ihr entgegenstellen, ist kein Zufall, sondern staatliche Normalität. In Gelsenkirchen zeigte sich, wie antifaschistisches Engagement kriminalisiert wird, während organisierte Neonazis mit Polizeieskorte durch migrantisch geprägte Stadtteile marschieren dürfen. Es ist diese perverse Logik staatlicher „Neutralität“, die nicht etwa Deeskalation bringt, sondern rechten Kräften faktisch den Weg ebnet – und den Widerstand gegen sie erschwert.

Trotz allem blieb der Protest stark. Menschen zeigten Zivilcourage, ließen sich nicht einschüchtern und hielten dem enormen Druck stand. Es war ein klares Zeichen: Wer heute noch schweigt oder neutral bleibt, überlässt die Straße den Faschisten. Und wer sich organisiert, kann ihnen etwas entgegensetzen.

Politische Analyse

Faschismus und Kapitalismus – Zwei Seiten derselben Medaille

Faschismus ist kein Betriebsunfall der Geschichte, kein irrationales Extrem, das plötzlich und grundlos ausbricht. Er ist die reaktionäre Krisenlösung des Kapitalismus, wenn dieser an seine Grenzen gerät – eine radikale Antwort der Herrschenden auf die Gefahr sozialer Umwälzung von unten. In seinem Kern dient Faschismus dem Schutz des Kapitals – nicht seiner Überwindung.

Faschismus als Endstufe des Kapitalismus

In Momenten tiefer ökonomischer, sozialer oder politischer Krisen zeigt sich die Wahrheit des Systems: Die liberale Demokratie, oft als „Wohlfühlmaske“ des Kapitalismus gepriesen, wird zur Fassade, hinter der sich der autoritäre Zugriff formiert. Wenn der Kapitalismus seine scheinbare Stabilität verliert – durch Überproduktionskrisen, Massenarbeitslosigkeit, soziale Verelendung –, verliert er auch seine demokratische Geduld. Was dann folgt, ist der Rückgriff auf offene Gewalt, Kontrolle und nationalistische Mobilisierung: Faschismus als Endstufe eines Systems, das weder bereit noch fähig ist, sich selbst grundlegend zu verändern.

Faschismus als Schutz des Kapitals

Historisch wie aktuell gilt: Der Faschismus stellt sich nicht gegen die kapitalistische Eigentumsordnung – er schützt sie. In Deutschland wurde 1933 nicht etwa „die Wirtschaft“ durch Hitler zerstört – im Gegenteil: Großkonzerne wie Krupp, IG Farben oder Deutsche Bank profitierten direkt vom NS-Regime. Der Faschismus zerschlug Gewerkschaften, Parteien der Arbeiter:innenklasse und soziale Bewegungen, setzte Zwangsarbeit durch, förderte Aufrüstung – und garantierte dem Kapital seine Profite. Die Gewalt traf nie „alle gleichermaßen“, sondern war systematisch gegen die organisierte Arbeiter:innenbewegung, Jüd:innen, migrantische Arbeiter:innen, Menschen mit Behinderung und linke Intellektuelle gerichtet.

Auch heute funktioniert der Mechanismus: Wenn soziale Ungleichheit wächst, wenn Menschen am Existenzminimum leben und Wut entsteht, brauchen die Herrschenden einen Blitzableiter. Der Faschismus liefert ihn – mit Nationalismus, Rassismus und völkischer Hetze.

Nach unten treten: Wie der Kapitalismus den Boden für Faschismus bereitet

Kapitalismus ist nicht nur ein ökonomisches System – er produziert auch ein Denken: Konkurrenz statt Solidarität, Eigennutz statt Gemeinsinn. Menschen werden gelehrt, „ihren Platz“ zu akzeptieren und ihren Ärger nicht gegen die Eigentümer der Produktionsmittel zu richten, sondern gegen jene, die „noch weniger“ haben. Arbeitslose, Geflüchtete, marginalisierte Gruppen – sie werden als Ursache der eigenen Misere geframt, nicht das System selbst.

Dieses Denken ist die Grundlage faschistischer Ideologie: der Glaube an Hierarchien, an nationale oder „kulturelle“ Überlegenheit, an die Notwendigkeit, zu unterwerfen statt zu befreien. Wer in einem System sozialer Ausbeutung lebt und nichts anderes gelernt hat als zu treten, wird – wenn er nicht kollektiv denkt – nach unten schlagen. Genau hier setzt der Faschismus an und lenkt berechtigte Wut in mörderische Bahnen.

Imperialismus: Kapitalschutz gegen „fremde Mächte“

Faschismus ist nicht nur innenpolitisch repressiv, sondern auch nach außen aggressiv. Seine imperialistische Logik ergibt sich direkt aus der kapitalistischen Konkurrenz. Wenn nationale Märkte kriseln oder Ressourcen knapp werden, setzt sich das Kapital nicht durch Wettbewerb, sondern durch Gewalt durch – militärisch, diplomatisch, ökonomisch. Im Faschismus wird dieser Drang brutal offen: Lebensraum, Kolonialismus, Raubkriege – alles unter dem Deckmantel nationaler Größe.

Auch heute erkennen wir diese Muster: autoritäre Staaten, die „ihr Kapital“ vor „ausländischer Übernahme“ schützen, die nationale Souveränität über internationale Zusammenarbeit stellen – oder die sogar kulturell gegen „Überfremdung“ mobilisieren, um ökonomische Interessen zu wahren. Der globale Konkurrenzkampf des Kapitals wird zur ideologischen Kriegsmaschine – und der Faschismus ist ihre bewaffnete Avantgarde.

Kritik am bürgerlichen Staat und seinen Organen

Wer die Verbindungen zwischen Kapitalismus und Faschismus ernsthaft verstehen will, muss den Blick auf den bürgerlichen Staat richten. Dieser Staat gibt sich demokratisch, rechtsstaatlich, neutral. Er tritt als „Vermittler“ zwischen verschiedenen Interessen auf und behauptet, über den Klassen zu stehen. Doch diese Darstellung ist eine ideologische Illusion. Der bürgerliche Staat ist nicht neutral, er ist ein Staat des Kapitals – und sein oberstes Ziel ist nicht die Gleichheit oder das Wohl aller, sondern die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Eigentums- und Machtverhältnisse.

Im Kern ist der bürgerliche Staat ein Ordnungsapparat: Er garantiert das Privateigentum an Produktionsmitteln, schützt Investitionen, sichert Eigentumsrechte und organisiert jene Gewalt, die nötig ist, um diesen Status quo durchzusetzen – zur Not auch gegen große Teile der Bevölkerung. Was in ruhigen Zeiten hinter Parlamentsdebatten, Polizeiuniformen und Bürokratie verschwindet, tritt in Krisenzeiten offen zutage: Die Repressionsapparate – Polizei, Justiz, Geheimdienste, Militär – stehen bereit, um jede grundlegende Infragestellung des Systems niederzuschlagen.

Je tiefer die Krisen des Kapitalismus werden – wirtschaftlich, sozial, ökologisch –, desto aggressiver reagiert der bürgerliche Staat. Statt die Ursachen der Krise zu bekämpfen (Kapitalakkumulation, soziale Ungleichheit, Ausbeutung, imperialistische Politik), bekämpft er die Symptome, indem er soziale Bewegungen kriminalisiert, Repression gegen Linke verschärft und den autoritären Umbau vorantreibt.

Das erleben wir konkret:
– Streikende Arbeiter:innen werden durch Notverordnungen eingeschränkt.
– Klimaaktivist:innen landen in Präventivhaft.
– Antifaschistische Gruppen stehen unter Beobachtung, während Rechte ungestört marschieren.
– Migrant:innen werden entrechtet, isoliert und abgeschoben, weil sie angeblich eine „Belastung“ darstellen.

Diese Maßnahmen sind kein Ausrutscher – sie sind Ausdruck eines Systems, das seine eigene Unfähigkeit durch autoritäre Kontrolle zu kompensieren versucht.

Der bürgerliche Staat ist kein rein faschistischer Akteur – aber er bietet den Nährboden, auf dem der Faschismus gedeiht. Er duldet und relativiert rechte Gewalt, statt sie konsequent zu bekämpfen. Er schiebt linke und rechte „Extremismen“ rhetorisch gleich – und schafft damit ein Klima, in dem Nazis als „Protestbewegung“ erscheinen können. Während der Verfassungsschutz Antifaschist:innen überwacht, können sich rechte Netzwerke in Polizei, Bundeswehr und Justiz ungehindert ausbreiten.

Wenn Neonazis marschieren, erhalten sie Polizeischutz. Wenn Linke protestieren, erleben sie Überwachung, Schlagstöcke und Medienhetze. Dieses Machtgefälle ist kein Zufall: Der Staat schützt nicht die Demokratie – er schützt die kapitalistische Ordnung. Und wenn diese Ordnung gefährdet ist, greift er auf reaktionäre Kräfte zurück.

Auch international zeigt sich die Rolle des bürgerlichen Staates deutlich: In der globalen Konkurrenz um Rohstoffe, Absatzmärkte und geopolitischen Einfluss setzt der Staat die Interessen „seines“ Kapitals mit allen Mitteln durch – auch mit Krieg. Militärische Interventionen, Rüstungsproduktion, Wirtschaftssanktionen und imperialistische Allianzen sind Teil einer Strategie, die den Zugriff auf Ressourcen und Märkte sichern soll.

Der Faschismus perfektioniert diese Logik: Er erklärt andere Nationen zu Feinden, hebt das Kapital über nationale Grenzen hinaus in die militärische Expansion – unter der Ideologie von „Volk“, „Nation“ oder „Kultur“. Auch demokratische Staaten agieren in dieser imperialistischen Logik, sie tun es nur diskreter. Doch die Richtung ist dieselbe: Wer das Kapital schützt, wird zum Feind der Menschheit.

Antifaschismus als Klassenaufgabe – und der Sozialismus als Perspektive

Faschismus ist kein Zufallsprodukt, sondern ein Werkzeug der herrschenden Klasse zur Aufrechterhaltung ihrer Macht in Krisenzeiten. Er entsteht dort, wo der Kapitalismus seine liberale Maske ablegt und die bloße Gewalt regiert. Wer das erkennt, versteht: Der Kampf gegen Faschismus ist untrennbar verbunden mit dem Kampf gegen Kapitalismus – und somit eine Aufgabe der Klasse, die unter beiden leidet: der Arbeiter:innenklasse.

Es wird niemand sonst tun. Die Parteien des bürgerlichen Spektrums haben in den letzten Jahrzehnten nicht nur versagt, sondern aktiv zum gesellschaftlichen Rechtsruck beigetragen: durch Sozialabbau, autoritäre Innenpolitik, rassistische Gesetzgebung und die Entpolitisierung antifaschistischer Erinnerung. Der Faschismus wird heute als „Randproblem“ abgetan, als historische Anomalie – während seine Logik längst wieder im Staatsapparat, in Polizei und Politik wirkt.

Der Antifaschismus gehört uns – denjenigen, die nicht auf Profite, sondern auf Solidarität angewiesen sind. Und aus dieser Einsicht folgt eine strategische Notwendigkeit: Widerstand muss von unten kommen, aus der Selbstorganisierung der Ausgebeuteten und Marginalisierten.

Das bedeutet konkret:
– Aufbau von Strukturen der gegenseitigen Hilfe und politischen Bildung.
– Stärkung gewerkschaftlicher und betrieblicher Organisierung gegen Rassismus, Spaltung und Überwachung.
– Verbindung antirassistischer, feministischer, ökologischer und klassenpolitischer Kämpfe zu einer gemeinsamen Bewegung.
– Aufbau einer Gegenmacht in den Vierteln, den Schulen, den Betrieben und auf der Straße.

Doch Selbstorganisierung ist kein Selbstzweck – sie braucht eine politische Richtung. Und diese Richtung kann nur heißen: Sozialismus. Nicht als staatliches Verwalten, nicht als nostalgische Erinnerung – sondern als reale Perspektive einer Gesellschaft, die auf Solidarität statt Konkurrenz, auf Kollektiveigentum statt Ausbeutung, auf demokratische Planung statt imperialer Gewalt beruht.

Nur eine sozialistische Gesellschaft kann die Grundlagen überwinden, aus denen Faschismus erwächst:
Keine Ausbeutung, die soziale Wut nach unten kanalisiert.
Keine Eigentumseliten, die durch autoritäre Herrschaft ihre Profite schützen.
Keine imperialistischen Kriege um Rohstoffe und Einfluss.
Keine rassistischen Spaltungsmechanismen zur Ablenkung vom eigentlichen Konflikt: oben gegen unten.

Sozialismus heißt: Die Macht denen, die die Gesellschaft am Laufen halten – nicht denen, die von ihr leben. Antifaschismus ohne Sozialismus bleibt rein defensiv. Sozialismus ohne Antifaschismus bleibt blind gegenüber der Reaktion. Beide gehören zusammen, oder sie werden scheitern.

Die Alternative ist klar: Entweder wir organisieren uns – oder sie organisieren uns.
Entweder wir errichten eine Gesellschaft der Gleichheit und Solidarität – oder wir erleben erneut, wie Reaktion, Rassismus und Gewalt das Ruder übernehmen.

Antifaschismus ist unsere Aufgabe. Sozialismus ist unsere Lösung.
Der Widerstand beginnt hier – und mit uns.

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