Die Invasion und die damit verbundene Verletzung der Souveränität Venezuelas durch die Streitkräfte der USA hatten ebenso wenig mit dem Schutz der Demokratie oder dem Sturz eines „Diktators“ zu tun wie der Krieg der Vereinigten Staaten gegen den Irak von 2003 bis 2011 oder die belgische Kolonialherrschaft im Kongo. In diesem Beitrag möchte ich Licht in die undurchsichtigen und fragwürdigen Absichten des US-amerikanischen Imperialismus bringen. Dieser völkerrechtswidrige Angriff und die Entführung des Staatsoberhauptes der angegriffenen Nation durch die Angreifer stellen eine weitere Eskalationsstufe im Kampf um den verbleibenden ausbeutbaren Teil der Welt dar.
Die aktuellen Angriffe auf Venezuela kamen keineswegs überraschend oder ohne vorherige Provokationen. Seit mehreren Monaten besteht die bislang größte US-Blockade in der Karibik. Am 15.12.2025 erklärte der Präsident der USA, Donald Trump, die Droge Fentanyl offiziell zur Massenvernichtungswaffe („Weapon of Mass Destruction“) [1] und rechtfertigte damit die militärischen Maßnahmen gegen Venezuela und dessen Präsidenten. Dieses Vorgehen erscheint besonders absurd, wenn man bedenkt, dass der Großteil des Fentanyls aus Mexiko stammt und die dafür benötigten Chemikalien aus China importiert werden, nicht aus Venezuela [2]. Der US-Präsident erklärt also eine Droge, die in den USA aufgrund der dortigen Lebensumstände besonders stark konsumiert wird, zur Massenvernichtungswaffe und lässt daraufhin das US-Militär einen Staat angreifen, der weder maßgeblich an der Produktion noch am Vertrieb dieser Droge beteiligt ist – anstatt die Ursachen des steigenden Drogenkonsums innerhalb der USA anzugehen. Dies als „Anti-Drogen-Krieg“ zu bezeichnen, wirkt meiner Meinung nach höchst befremdlich und sollte im öffentlichen Diskurs für deutlich mehr Skepsis sorgen. Wie bereits erwähnt, hat die USA Venezuela nicht nur militärisch angegriffen, sondern im Zuge dieser Aktionen auch den Präsidenten der Nation sowie dessen Familie und weitere Mitglieder seines Stabs entführt [3]. Nach der Festnahme Maduros kündigte Donald Trump in einer Pressekonferenz an, dass die USA „vorerst“ die Kontrolle über Venezuela übernehmen werden [4].
Zusammengefasst haben die USA das Staatsoberhaupt eines souveränen Landes als Mitverschwörer im internationalen Drogenhandel beschuldigt und daraufhin einen Angriff auf dessen Nation gestartet, bei dem mindestens 40 Menschen getötet und der Präsident entführt wurden. [5] Dies geschah trotz einer Zustimmungsrate von nur 33 % in der eigenen Bevölkerung. [6]
Die Frage „Was passiert?“ haben wir somit geklärt, auch wenn uns dies nicht weniger verwirrt zurücklässt. In diesem Beitrag soll es vielmehr darum gehen, zu verstehen, warum es dazu kommt. Um dies zu begreifen, muss zunächst anerkannt werden, dass in einer Welt, die vollständig in kapitalistische Gruppen aufgeteilt ist, nichts isoliert geschieht. Sobald man erkannt hat, dass in dieser Welt alles vom Profitinteresse geleitet wird, erscheint der Blick nach vorn klarer – und der Blick zurück umso deutlicher. Staaten handeln niemals ohne Eigennutz, erst recht nicht im Ausland. Es geht stets um den Erhalt und die Sicherung des Systems – notfalls auch mit militärischen Mitteln. Solange das herrschende System einzig auf reinen Profit ausgerichtet ist, zählt nichts anderes. Genau deshalb ist das US-amerikanische Wirtschaftssystem genauso auf den Profit aus anderen Ländern angewiesen wie ein Virus auf seinen Wirt: Ohne diesen überlebt es nicht. Wenn im eigenen Land nicht mehr genug Profit erwirtschaftet wird oder die Arbeiter die Ausbeutung zunehmend durchschauen, müssen Rohstoffe aus anderen Regionen angeeignet werden. Wie wir in anderen Beiträgen bereits erläutert haben, stehen Faschismus und Militarisierung eines Staates in direktem Zusammenhang mit einer auf Krisen basierenden Wirtschaftsordnung. Solange das Kapital herrscht und die Widersprüche unserer Gesellschaft antreibt, wird es auch Kriege und Faschismus geben. Den USA ist es nicht mehr „einfach so“ möglich, ihren Kapitalisten stetig wachsende Profite zu sichern. Daher müssen sie dies nun durch die Ausbeutung anderer Nationen erreichen, wie wir es in vielen Regionen Westasiens oder Afrikas beobachten konnten und weiterhin beobachten. Doch wie gelingt das durch die Entführung eines südamerikanischen Präsidenten und die Blockade dieses Landes? Die Antwort ist wenig überraschend: Venezuela verfügt über die mit Abstand größten natürlichen Ölreserven der Welt.

Und die USA tun, was die USA eben tun: ihre militärische Hegemonie ausspielen und somit den Profit der reichsten Amerikaner sichern – auf Kosten der gesamten Arbeiterklasse und besonders auf Kosten derjenigen, deren Land sie ausbeuten wollen. In ein noch klareres Licht rückt nun die angekündigte Machtübernahme der USA in Venezuela. Sie übernehmen die Macht nicht, weil sie gutherzige Menschen sind und den in Venezuela lebenden Menschen ein besseres Leben ermöglichen wollen. Es geht ausschließlich um die Sicherung des eigenen Systems und somit auch um den eigenen Profit. Dies ist nicht einmal meine Ansicht als „böser antiamerikanischer Kommunist“; dass die USA sich das Öl Venezuelas „zurückholen wollen“ (wie man sich überhaupt das Öl eines fremden Landes „zurückholen“ kann), sind die Worte des US-amerikanischen Präsidenten selbst. [7]
Das Problem mit dem Öl
An dieser Stelle möchte ich einen weiteren entscheidenden Aspekt der US-amerikanischen Wirtschaft beleuchten. Betrachtet man die Entwicklung der Öl- und Gasreserven in den USA, könnte man den Eindruck gewinnen, dass diese für mehrere Hundert Jahre gesichert sind. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, warum die USA dennoch einen derartigen Krieg führen sollten. Die Antwort darauf lässt sich in drei wesentliche Punkte gliedern:
- Die Wirtschaft der USA ist in höchster Grade angewiesen auf Öl auf Gas. [8] Dazu kommt eben eine Kapitalgesteuerte Gesellschaft, Veränderung wird (wenn überhaupt) nur schwerlich angenommen und es wird aus jeder bereits getätigten Investition so viel Profit geschlagen wie möglich, dies verbunden mit einer auf Öl und Gas aufgebauten Infrastruktur sorgt dafür, dass, solange es möglich ist, diese Maschine weiter mit Öl oder Gas betrieben werden kann dies auch getan wird, mit allen nötigen mitteln.
- Sind die Ölreserven zwar beträchtlich und halten laut liberalen Studien noch dutzende bis hunderte Jahre, dabei wird jedoch nie erwähnt, dass ihn diesen Studien der Import von Öl und Gas miteingerechnet wird; würde die USA aufhören diese Rohstoffe zu importieren würde der Vorrat für gerade einmal ca. 11 Jahre halten. [9]
- Fossile Brennstoffe sind endlich, wenn die Weltwirtschaft weiter auf Öl, Gas und Kohle setzt werden die ersten beiden genannten in 50 – 70 Jahren ausgehen und Kohle in ca. 100 Jahren. [10]
Anhand dieser drei Punkte wird die Intention der USA deutlich: Ihre Wirtschaft, die maßgeblich von Öl und Gas abhängt, muss weiterhin gestärkt werden. Da dies über mehr als elf Jahre geschehen soll, ist der Zugriff auf die Ressourcen anderer Länder unverzichtbar. Angesichts der von Biden verhängten Sanktionen gegen russisches Öl im Zusammenhang mit Russlands Angriff auf die Ukraine wird klar, dass alternative Exporteure gefunden werden müssen. Hinzu kommt die begrenzte Verfügbarkeit fossiler Brennstoffe, insbesondere Öl und Gas, was unmissverständlich zeigt, warum die USA in andere Länder intervenieren und oppositionelle Kräfte unterstützen, die sich für Privatisierung und den Verkauf von Öl und Gas an die USA einsetzen. Dies ist bei weitem kein neues Vorgehen der USA. Genau darin zeigt sich die Funktionsweise des Imperialismus, der höchsten und expansiven Form des Kapitalismus: Sobald Finanzkapital, Kapitalexport und die damit verbundene Ausbeutung fremder Nationen, da im eigenen Land keine ausreichenden Ressourcen mehr vorhanden sind, dominieren, werden Kriege geführt und Regierungen gestürzt.
Die Konkurrenz China
China ist mit Abstand der größte und möglicherweise einzige ernsthafte Herausforderer der weltwirtschaftlichen Vorherrschaft der USA. Der Handelskonflikt zwischen China und den USA begann mit Chinas rascher Industrialisierung, die den Kapitalexport und die politische Einflussnahme des Landes erheblich verstärkte. [11]
Obwohl es unmöglich ist, genaue Vorhersagen über die wirtschaftliche Zukunft zu machen, ist es wichtig anzuerkennen, dass Chinas Wirtschaft einen weitaus drastischeren Kurs in Richtung neuer Technologien und erneuerbarer Energien einschlägt. [12] Chinas wirtschaftliches Wachstum liegt seit Jahren vor dem der USA, und derzeit gibt es wenig, was darauf hindeutet, dass sich dies ändern wird.
Doch was hat das mit dem Angriff auf Venezuela zu tun? Wie bereits erläutert, ist die Welt unter zahlreichen Kapitalisten aufgeteilt, und es herrscht ein stetiger Kampf um diese Aufteilung sowie um die Vorherrschaft. Jeder will ein größeres Stück vom Kuchen ergattern. Manchmal äußert sich dieser Kampf militärisch, wie am Beispiel der Ukraine, wo das russische Monopolkapital gegen das „westliche“ Monopolkapital (insbesondere das der USA) um die Neuaufteilung von Ressourcen und Absatzmärkten ringt. Manchmal handelt es sich auch um einen „rein“ wirtschaftlichen Konflikt, wie zwischen den USA und China („rein“, da dieser wirtschaftliche Streit schnell in einen militärischen umschlagen kann, Stichwort „taiwanesische Aufrüstung“, die als Vorbereitung für eben dieses Umschwenken dient). Genau um diese Neuaufteilung zum Schutz des (steigenden) Profits geht es beim Angriff auf Venezuela. Während Chinas Einfluss in Lateinamerika stetig wächst [13], beginnt das US-amerikanische Imperium zu schwächeln. Um diesen Niedergang sowie das weitere Wachstum des chinesischen Einflusses zu verhindern, versucht man, die Kontrolle eigenhändig zurückzugewinnen [14].
Eine weitere sehr wichtige Information ist die Abhängigkeit zwischen den USA, Europa und China. Während die Abhängigkeit Chinas von den USA und der EU in den letzten 20 Jahren kontinuierlich gesunken ist, ist die Abhängigkeit des Westens von China erheblich gestiegen. [15]

Für die politische Macht Chinas ist dies maßgeblich und stellt zudem eine weitere Erklärung dar, warum die USA so intensiv um ihre Macht kämpfen. Trump droht weiteren südamerikanischen Staaten mit kriegerischen Handlungen, was zeigt, wie verzweifelt der US-amerikanische Imperialismus um seine Macht kämpfen muss. [16]
Wir haben gesehen, dass der Angriff auf Venezuela keineswegs isoliert ist. Er ist Teil eines weitreichenden globalen Säbelrasselns der mächtigsten Kapitalisten im Kampf um die Vorherrschaft auf den Märkten. Es ist an der Zeit, umzudenken und von einem System Abstand zu nehmen, das ausschließlich von Profitinteressen getrieben wird. Stattdessen müssen wir ein System fördern, das im Interesse der gesamten Menschheit handelt – nicht nur im Interesse einer wohlhabenden Elite.
Sozialismus oder Barbarei ~ Rosa Luxemburg
[1] https://www.whitehouse.gov/fact-sheets/2025/12/fact-sheet-president-donald-j-trump-designates-fentanyl-as-a-weapon-of-mass-destruction/
[2] https://www.congress.gov/crs-product/IF10400
[3] https://www.bbc.com/news/articles/cdred61epg4o
[4] https://www.deutschlandfunk.de/trump-kuendigt-machtuebernahme-in-venezuela-an-100.html
[5] https://www.nytimes.com/2026/01/03/world/americas/venezuela-airstrike-civilian-deaths.html
[6] https://www.reuters.com/world/americas/only-33-americans-approve-us-strike-venezuela-reutersipsos-poll-finds-2026-01-05/
[7] https://www.bbc.com/news/articles/crkr4y717k7o
[8] https://courses.ems.psu.edu/egee439/node/642#:~:text=The%20US%20is%20highly%20dependent,on%20foreign%20sources%20of%20oil.
[9] https://www.e-education.psu.edu/egee102/node/1932
[10] https://infinity-renewables.com/when-will-fossil-fuels-run-out/
[11] https://www.cfr.org/backgrounder/contentious-us-china-trade-relationship
[12] https://www.voanews.com/a/china-takes-lead-in-critical-technology-research-after-switching-places-with-us/7779603.html
[13] https://www.boell.de/de/chinas-einfluss-lateinamerika
[14] https://www.bbc.com/news/articles/crkr4y717k7o
[15] https://merics.org/de/studie/growing-asymmetry-mapping-import-dependencies-eu-and-us-trade-china
[16] https://theintercept.com/2026/01/06/trump-wars-venezuela-colombia-cuba-iran/
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